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Universelle Bildung statt Fachidiotismus

Das Übergreifen der Ideologie auf den wissenschaftlichen Diskurs und das ideologische Funktionieren der Wissenschaften artikulieren sich nicht auf der Ebene ihrer idealen Strukturen […], noch auf der ebene ihrer technischen Anwendung in einer Gesellschaft […]; sie artikulieren sich dort, wo sich die Wissenschaft aus dem Wissen herausschält.“

Michel Focault, Archäologie des Wissens, S.263

Zu unterscheiden sind drei Begriffe: Ideologie, Wissenschaft und Wissen. Es ist deutlich, dass ihre Beziehung hierachisch ist. Die Ideologie erscheint in jenem Raum, welcher zwischen der Wissenschaft und dem Wissen entsteht: die Wissenschaft schält sich aus dem Wissen heraus (ob es sich hier um eine jener „[…] Praktiken [handelt], die sie [die Wissenschaft] auf mehr oder weniger bewusste Weise reflektiert […]“ (Foucault, 1973, S.264), ist unklar) und es entsteht jener Ort (Foucault schreibt „wo“ (Foucault, 1973, S. 263)), an dem sich die Ideologie artikuliert. Nur hier möchte Foucault die Ideologie verorten können.

Ideologie und Wissenschaft scheinen durch jenen, nicht näher beschriebenen Moment der Schälung begründet zu sein. Noch vor diesem Moment, welcher mit einem Schlag Ideologie und Wissen ermöglicht (wenn auch andererseits vieles nahelegt, dass Foucault den Moment der Schälung als schon in Strukturen und Strategien, welche der Wissenschaft wesentlich sind, denkt (vgl. ebend.), existiert auf eine unbestimmte Weise das Wissen. Unbestimmt: denn das Wissen, wie es nicht in der Wissenschaft eingeschlossen ist (denn Schälung aus dem Wissen bedeutet zugleich Grenzziehung und mit entsprechender Inklusion und Exklusion), wird von einer Wissenschaft selbst nicht untersucht. Foucault denkt sich eine Wissenschaft, welche das ausgeschlossene Wissen nicht degradiert: die Wissenschaft würde sich ausschließlich mit dem beschäftigen, was in ihrem Bereich liegt und das, was Foucault das Wissen nennt, ist, als ausgeschlossenes, nicht Gegenstand der wissenschaftlichen Praxis. (vgl. Foucault, 1973, S.262) Unbestimmt aber auch noch, weil das Feld des Wissens durch die jeweilige Wissenschaft nicht nur nicht erschöpft wird (denn sie schliesst einen Teil aus), sondern weil Wissen auch den Bereich mehrerer Wissenschaften durchkreuzen kann. (Foucault, 1973, S. 262) Foucault denkt das Wissen als grenzenlos: Grenzen ziehen Wissenschaften (strukturell, durch die Konstitution von wissenschaftlichen Methoden, ect.). Die Wissenschaften werden zu einem Gewissermassen sekundären Phänomen bestimmt: sie bilden Parzellen im Ozean des Wissens; ihren Inhalt schöoepfen sie aus diesem Wissen (sie fügen es nicht hinzu): „Die Wissenschaft (oder was sich als solche ausgibt) lokalisiert sich in einem Feld des Wissens und spielt darin eine Rolle“. (ebend.) Eine, unter diesem Gesichtspunkt gedachte Wissenschaft gleicht eher einer einem kontigenten, überfluessigen Zusatz.

Andererseits bedarf es der Methode, um die Position der Wissenschaft innerhalb des Wissens aufzuzeigen: Foucaults Verfahren, die Archäologie, ist ein solches. (vgl. Foucault, 1973, S. 263) (Freilich hat Foucault nicht als erste Person eine Methode erdacht, Ideologien aufzudecken. Auch wurden Ideologien anders gedacht. Foucaults Vorgehen reiht sich also in eine Reihe anderer Methoden ein und wiederholt den von ihm selbst aufgezeigten Gestus der Schälung und der Konstitution eines Drinnen (Wissenschaft, Verfahren, Methode, ect.) und des Draußen (Wissen).) Es scheint so, als ob es einer Art von Methodik bedarf, um das Wissen und sein Verhältnis zur Wissenschaft aufzuzeigen: an diesem Punkt offenbart sich, wie abhängig das von der Wissenschaft unabhängige Wissen ist und der Wissenschaft bedarf. Die Wissenschaft (und ihre Methodik) lässt das Wissen erscheinen, welches nicht erst durch die Methodik und den jeweiligen Standpunkt, welche die gewählte wissenschaftliche Praxis bestimmt hat, existierte (wenn wir Foucault folgen wollen: denn würde die Methode nicht das Wissen vor-existierend vorfinden, sondern es viel eher nachträglich konstituieren, dann wäre Foucaults Diskursanalyse, wenn sie die einen jeden Diskurs zugrundeliegenden Wissensformationen finden möchte, Augenwischerei oder bestefalls Wissenschaft (d.H. eine von vielen Methoden, die kontingent neben anderen Methoden stünde und durch eine ihr immanente Methodik das Wissen als schon vor der Wissenschaft existierend denken muss, weil es ihre Methode ist: Foucaults Analysen wären eine Art, Wissen auszuschließen, um sich zu konstuieren und zugleich dieses Szenario, die Ausschließung Wissenschaft, vorexistierendes Wissen und Ideologie überhaupt erst zu denken. Es wäre interessant, Foucaults Ideologiegedanken auf ihn selbst anzuwenden. Es wäre aber auch kritisch: denn wir müssten Foucault insoweit zustimmen, als das wir dem Gedanken der Ideologie, so wie in Foucault bestimmt, als gegebene Größe nehmen, selbst wenn wir den Gedanken gegen seinen Verfasser ins Feld führen mit der Absicht, den Gedanken selbst zu untergraben.). Wissenschaften, dies sollte nun angeklungen sein, existieren neben anderen Wissenschaften: geschlossene Netze der Methodik (geleitete, teils theoretisch begründete, mehr oder weniger offensichtlich kontigente Verfahren der wissenschaftlichen Praxis), deren Grenzen sich selbst limitieren, jedoch nicht das Wissen selbst; welche eine Art der Beschreibung bieten, jedoch nur eine Art, neben anderen. Kurz: das Wissen kann von verschiedenen Standpunkten beleuchtet werden. (vgl. Foucault, 1973, S. 262f) Wollen wir Foucaults spekulativer Idee eines vor-existierenden Wissens ausweichen und sie der Methode der Diskursanalyse selbst zuschreiben, als ihr immanent (der Gestus der theoretischen Beschreibung vor-theoretischer Entitäten ist der Wissenschaft tendenziell wesentlich) und auf die Methode selbst angewiesen, dann bleiben nur noch Diskurse, welche das produzieren, was sie zu beschreiben vorgeben und die vorgeben, das, was sie beschreiben, am adäquatesten zu beschreiben: dass eine Wissenschaft einen Sachverhalt adäquat beschreibt und das Ausmaß, inwiefern ihr das gelingt, gibt die Mittel an die Hand, eine Wissenschaft, mit unter, zu disqualifizieren.

Lösen wir uns von diesem Gedanken. Was bleibt (oder ist) ist das Bestehen von Diskursen (mehrere Aussagen nebeneinander), von denen einige Wissenschaften genannt werden und einen besonderen Stellenwert haben: das Previleg, andere Diskurse als unwissenschaftlich zu deklassieren oder schlichtweg sich ihrer nicht anzunehmen.

Konkret: die Biologie beschreibt den Vorgang der Fortpflanzung im Rahmen der ihr immanenten Methode. Neben diesen Beschreibungen, welche innerhalb der Biologie sinnvoll sind und außerhalb ihrer nützlich sein können, ist es doch ein seltenes Phänomen, wenn der historische Prozess, wie es etwa zur binären biologischen Geschlechterkonstitution geführt hat, innerhalb der Biologie besprochen wird. Dies liegt nicht im Bereich der Biologie. Ein Verweis auf das historische Entstehen der beschrieben biologische Geschlechterbinärität, wird oft als Angriff auf ein Monopol der biologischen Methodik gewertet. Innerhalb der Philosophie werden die Kategorien Kants und die Dialektik Hegels dezidiert besprochen: aber der teils offen zutage tretende Rassismus der beiden Autoren wird, wenn er überhaupt aufgegriffen wird, so doch in den Bereich der Biographie gebannt: es sind eben die Schwächen jener beiden Personen, deren Gedanken davon nicht beeinträchtigt wurden. Gleiches gilt für Hannah Ahrendts Aussage in einem Interview mit Gauß, dass sie keine Philosophin sei und das sich manche Berufe für eine Frau nicht schicken. Innerhalb der Philosophie werden solche Gedanken als idiosynkratische Verirrungen hervorragender Persönlichkeiten gewertet. Dass diese Elemente, Rassismus auf der einen Seite, sowie der Ausschluss der Frau (bei weitem keine einheitliche und feste Kategorie, weder biologisch, noch gesellschaftlich) aus der Philosophie, einen wesentlichen Anteilen an der Konzeption der Gedanken jener Persönlichkeiten hätten haben können, wird wahrscheinlich nicht besprochen: dies falle doch eher in einen anderen Fachbereich. (Die eben skizzierten Ausführungen sind auch generalisiert und Ausnahmen finden sicherlich statt.)

Es soll deutlich werden, dass diese hermetische Abschottung, dieser Selbsteinschluss, dazu führt, kritische und sehr berechtigte, fachbereichsfremde Einwände zum Schweigen zu bringen und Auszuschließen. Wo dies nicht geschieht, ist ein erster Schritt in Richtung Interdisziplinarität getan. Gegen den möglichen Vorwand, dass die bisherigen Ausführungen wissenschaftsfeindlich klingen, denn sie kritisieren die Methode und jeder Wissenschaft braucht die Methode, sowie einen abgeschlossenen Bereich, gilt folgendes zu bekräftigen: die Wissenschaft ist nicht obsolet und ihre jeweiligen Methodiken nicht an und für sich schlecht. Auch wurden sie nicht kritisiert, sondern nur die Konsequenzen und Implikationen, aus einem Text Foucaults herausgestellt: sollten diese außerhalb des besprochenen Textes anwendbar sein, so ist dies nicht notwendiger Weise ein Einwand gegen die hier gemachten Ausführungen: sie könnten genauso ein Einwand gegen den Missstand eines wissenschaftlichen Gestus sein: die Unterbindung von kritischen und informativen Diskussionen. Es muss gefragt werden, ob es nicht vermessen ist, eine Wissenschaft als unfehlbar aufzufassen und ihre eigenen Unzulänglichkeiten (all das, was sie nicht berücksichtigt, weil es ihre Methode nicht zulässt, aus welchen Gründen auch immer) verdecken zu wollen oder sich hermetisch, mit mehr oder weniger elaboriertem Kalkül, gegen kritische Einwände abschotten zu wollen: immer ist der Einwand der Wahrheit, die unabhängig gegenüber kontingenter Elemente existiert: die Wahrheit der Gedanken sind unabhängig gegenüber dem Rassismus seiner Verfassenden; die Wahrheit des Körpers ist unabhängig gegenüber dem historischen Prozess, aus welcher die Methode zu ihrer Beschreibung hervorging. Immer ist es dasselbe Spiel: eine Wissenschaft hat Strategien, einige Aussagen gegenüber der Kritik abzuschotten. Und darin liegt die größte Anmaßung. Denken wir uns den verschulten Gestus des universitären Unterrichts noch hinzu, welcher darin besteht, die jeweilige Methode des Fachbereiches und die fachsinternen Wissensanhäufungen in möglichst großer Zahl und in möglichst geringer Zeit in einen Kopf zu drängen: wie sollte ein kritisches Denken außerhalb des Rasters einer Wissenschaft auch nur denkbar sein (denn dies zu denken, wird nicht einmal andeutungsweise provoziert).

An diesem Punkt müssen wir Foucaults Ideologiekritik (wenn wir das so nennen können) zustimmen, welche die Ideologie nicht innerhalb der Wissenschaften findet, sondern in ihrer Koexistenz zu anderen Wissenschaften: Kritik der Wissenschaften selbst als Praxis neben anderen. (vgl. Foucault, 1973, S. 265) Damit einher geht die Frage, warum eine Wissenschaft, sich gegen bestimmtes Wissen abschottet, obwohl dieses Wissen selbst möglich ist: es ist möglich, die binären biologischen Geschlechter als durch historische Prozess entstanden zu denken. Auch ist es möglich, eine Untersuchung des Rassismus Kants oder Hegels mit deren Werken zu verbinden. Einfach gedacht: es bestünde eine quantitative Vermehrung der Aussagen (wenn Wissenvermehrung eben nur Vermehrung von Sätzen bedeutete). Umgekehrt formuliert: ohne auf die Idee eines vor-existierenden Wissen zurückzugreifen, ist es deutlich, das einige Wissenschaften und die Lehre und das Studium innerhalb ihrer Fachbereiche, manche koexistierenden Diskussion unterbinden, wenn auch erst alle Wissenschaften zusammen das Wissen einer Gesellschaft konstituieren.

Statt nun die Lehre zu einer Anerziehung von Fachidiotismen verkommen zu lassen und mehrdimensionale kritische Perspektiven nicht zu fördern, plädieren wir für ein stärkeres Angebot interdisziplinärer Veranstaltungen, ob nun im Rahmen von Vorträgen, Lesekreisen, Gruppendiskussionen oder einer Verbindung jener Elemente. Dabei werden Themenkomplexe von verschiedenen Standpunkten beleuchtet, aber nicht innerhalb der Grenzen eines Fachbereiches restriktiert. Ebenso werden durch Diskussionen Menschen dazu eingeladen, ihre verschiedenen Ansichten und Standpunkte mit anderen zu vergleichen und in der Begegnung mit fremden Gedanken die eigenen Sichtweisen zu erweitern oder/und gegebenenfalls zu revidieren.

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